Zwischen Geschichte und Gegenwart

In der ersten Hälfte der 60er Jahre war der Wiederaufbau der Gemeinde im Wesentlichen abge­schlossen. Auch fühlbare personelle Veränderungen und ein in dieser Zeit beginnender tief­greifender Strukturwandel in Röhlinghausen markieren einen deutlichen Einschnitt im Leben der Gemeinde.

Bereits bei den Presbyterwahlen im Jahre 1960 waren fünf der acht Presbyter ausgeschieden, unter ihnen mit Wilhelm Röhlinghaus und Hermann Eichhofer zwei Mitglieder, die das Gemeindeleben drei Jahrzehnte lang entscheidend mitbestimmt hatten. Neuer Kirchmeister wurde Karl Nieder­bäumer, 1969 gefolgt von Walter Neumann. Im Abstand von drei Jahren vollzog sich sodann ein Wechsel innerhalb beider Pfarrstellen. Nach dem Weggang von Pfarrer Wernicke ins sauerländische Valbert wurde Gerhard Dedecke im Dezember 1963 in die zweite Pfarrstelle eingeführt. Im März 1966 trat Pfarrer Hütt in den wohlverdienten Ruhestand. Als sein Nachfolger wurde Pfarrer Hubert Schlug Ostern 1968 in sein Amt eingeführt. Er bezog das mittlerweile neu erbaute Pfarrhaus Luther­straße 1a (heutige Wittenbergstraße). Personelle Veränderungen gab es auch in anderen Bereichen. Seit Mai 1964 führte Frau Niederbäumer (bis zu ihrer Verabschiedung im Jahre 1990) das Gemeinde- und Friedhofsamt, und mit dem altersbedingten Ausscheiden der Eheleute Guse wurde Rudolf Ziegler 1965 als hauptamtlicher Küster angestellt, nachdem er zuvor schon als Hausmeister im neuen Jugendheim tätig war.

Das alles muss vor dem Hintergrund tiefgreifender struktureller Umbrüche gesehen werden. Die Rezession des Bergbaus setzte ein. Der wirtschaftliche Niedergang machte auch vor der einst blühenden Bergbaustadt Wanne-Eickel und ihren Ortsteilen keinen Halt. 1963 wurde Schacht Pluto-Thies verfüllt, das Fördergerüst abgerissen. 1967 stellte die Zeche Königsgrube nach 112 Jahren ihren Betrieb ein. Ende der siebziger Jahre sollten das Mannesmann-Werk und die Zeche Pluto-Wilhelm folgen. Das brachte Änderungen unter den Gemeindegliedern durch berufliche Umstellung, längere Arbeitswege, Vorruhestand oder vermehrte Arbeitslosigkeit, was neben Abwanderung und sinkender Geburtenrate dazu führte, dass die Gemeindezahl in den kommenden Jahren und Jahr­zehnten langsam, aber stetig sank. Zunächst erhöhte sich die Zahl jedoch leicht, als Anfang 1966 etwa 300 Einwohner - vornehmlich aus der alten Königsgruber Kolonie -, die bislang zur Ev. Gemeinde Hordel gehört hatten, zum Pfarrbezirk Röhlinghausen kamen.

Was Gottesdienst und Gottes Haus in dieser Zeit betraf, so bleibt zu erwähnen, dass im November 1966 der sonntägliche Frühgottesdienst durch einen Abendgottesdienst am Freitag ersetzt und ein Jahr später der Turmhelm der Lutherkirche erneuert und mit einem neuen Kreuz versehen wurde.

Und noch eine - wenn auch für lange Jahre letzte - Veränderung gab es an der Spitze der Gemeinde. 1969/70 verlässt Pfarrer Dedecke Röhlinghausen. Die verwaiste Pfarrstelle konnte zwar nicht sofort wieder besetzt werden, doch gelang es Pfarrer Schlug, den Gemeindediakon Werner Kurbjuhn aus der Nachbargemeinde Wanne-Süd für den Dienst in Röhlinghausen zu gewinnen. Er wurde am 12. Juni 1970 durch Superintendent Schwarz eingeführt und bezog mit seiner Familie die frisch renovierte Wohnung im alten Pfarrhaus.

Für viele Jahre sollte nun eine personelle Kontinuität bestehen, die der Gemeindearbeit zugute kam und neue Akzente setzte. So waren im Oktober 1971 erstmals alle Jubilare zur Feier der Goldenen Konfirmation geladen; sie findet seither alle zwei Jahre statt. Im gleichen Jahr ging der erste Gemeindebrief in Druck. 1972 verwirklichte man die Idee einer Altenstube. Durch den Verkauf des ehemaligen Schwesternhauses konnte das neue Pfarrhaus (Auf der Wilbe 53) errichtet werden. Die nun freigewordenen Räume im alten Pfarrhaus wurden zu einer Stätte der Begegnung umgestaltet, die unter dem Namen „Altendank“ bis in die jüngste Zeit hinein ein Begriff war und von Hannelore Bogusch und Hildegard Lukaschewski geleitet wurde. 1974 feierte man das erste Gemeindefest mit Gottesdienst und vielfältigen Aktivitäten rund ums Jugendheim. Nicht zu vergessen auch die in die Weihnachtsferien fallenden, von Pastor Kurbjuhn initiierten und durchgeführten Familienfreizeiten in Going in Tirol, die sich jedes Jahr großer Beliebtheit erfreuten.

Nach seiner Ausbildung als Prediger und erfolgter Ordination übernahm Pastor Kurbjuhn ab dem 15. Februar 1975 offiziell die Pfarrstellenverwaltung des Nordbezirks, den er bisher nur „betreut“ hatte. Damit waren beide Pfarrstellen wieder besetzt. Als Reinhold Braun im gleichen Jahr Kirch­meister wurde, verstärkte das die kontinuierliche Arbeit in vielen Bereichen, zumal er ein Jahr zuvor die Leitung des Arbeiter- und Bürgervereins übernommen hatte und dieses Amt 26 Jahre hindurch ausüben sollte. Für Beständigkeit im Wandel der Zeiten sorgte auch Günter Hiensch, der 1977 von Hartmut Neumann das Organistenamt übernahm und schließlich für 15 Jahre mit dem Frauenchor und dem gemischten Chor der federführende Kirchenmusiker der Gemeinde blieb.

Drei Initiativen sollen noch - stellvertretend für manch andere Aktivität - erwähnt werden. Zum einen der vom Ehepaar Kurbjuhn 1977 ins Leben gerufene Familienkreis, der jahrelang Gemeinde­glieder von Röhlinghausen und Wanne-Süd zusammenführte; zum anderen der Ausbau der Ökumene mit unserer katholischen Nachbargemeinde St. Barbara. Gemeinsame kirchenmusi­kalische Veranstaltungen, Friedensgebete, vor allem aber gemeinsame Bibelwochen wurden zu einer ständigen Einrichtung. Und nicht zuletzt: Der Neubau des Kindergartens an der Turmstraße, der bereits im Mai 1971 seinen Betrieb aufnehmen konnte, zunächst unter der Leitung von Ilse Balbach, seit 1981 unter Ute Hanschmann.

Dass in all den Jahren weitere - teilweise recht kostenintensive - Renovierungs- und Instand­haltungsarbeiten anfielen, sei nur am Rande vermerkt. So am Kindergarten und am Jugendheim, vor allem aber an der Kirche: Das Dach wurde in Kunstschiefer eingedeckt (1978), der Turm als Ganzes saniert (1982), das Kircheninnere umfangreich renoviert (1985).

Mitte der 80er Jahre gab es wieder einschneidende Veränderungen personeller Art. Am 1. Januar 1984 übernahm Herbert Wieschollek das Amt des Küsters und gründete im gleichen Jahr den heute noch bestehenden gemeindeinternen Tischtennisverein EK Röhlinghausen 84, der in der jährlich stattfindenden CVJM-Spielrunde über die Gemeindegrenzen hinaus sportliche Kontakte pflegt.

Betroffen, ja erschüttert war die Gemeinde von den Ereignissen in der Familie Kurbjuhn. Im Konfirmationsgottesdienst am 24. April 1983 erleidet Ilse Kurbjuhn einen Gehirnschlag, an dessen Folgen sie wenige Wochen später im Alter von 46 Jahren stirbt. Im August 1985 wird Werner Kurbjuhn durch einen Schlaganfall dienstunfähig, geht zum 1. Oktober 1987 in den vorzeitigen Ruhestand und stirbt ein Jahr später im Alter von 56 Jahren. Beide hinterlassen eine kaum zu schließende Lücke in der Gemeindearbeit.

Für die vakante zweite Pfarrstelle konnte Pfarrer Schlug Pastor Peter Jendral gewinnen, die Amts­einführung erfolgte am 17. Januar 1988. Doch schon eine Woche später verabschiedete die Gemeinde Pfarrer Schlug in den wohlverdienten Ruhestand. Sein Nachfolger wurde Rüdiger Funke, mit dessen Amtseinführung am 15. Oktober 1989 auch die erste Pfarrstelle wieder besetzt war.

Der Wechsel innerhalb beider Pfarrstellen wird in den folgenden Jahren begleitet von einer Ausweitung der innergemeindlichen Angebote mit neuen Aufgaben und Arbeitsschwerpunkten, vor allem in der Kinder- und Jugendarbeit.

Durch Einführung eines Lektorendienstes und der Zurüstung von Presbytern zur Austeilung des Abendmahls sollte sich der Gottesdienst der Beteiligung von Gemeindegliedern öffnen. 1989/90 begann die Aktion „neu anfangen - Christen laden ein zum Gespräch“, ein volksmissionarisches Projekt des Kirchenkreises mit dem Ziel, engere Kontakte zur Gesamtgemeinde herzustellen. Zur gleichen Zeit konnte durch Einstellung einer hauptamtlichen Jugendreferentin (Dagmar Vöge) die Jugendarbeit erheblich intensiviert werden. Das erstmals 1991 begangene ökumenische Gemeindefest und die einige Jahre später einsetzende ökumenische Jugendarbeit knüpften das Band zwischen den beiden Kirchengemeinden Röhlinghausens noch enger. Ein Obdachlosen-Projekt und Leukämie-Hilfe zeugten von einem verstärkten Engagement im sozial-diakonischen Bereich.

1994 war für die Kirchengemeinde in personeller Hinsicht kein leichtes Jahr. Walter Neumann legte nach vier Jahrzehnten die Leitung des Posaunenchores nieder. Presbyterium und Gemeinde waren froh, mit Elmar Witt einen neuen Leiter, mit Susanne Franken eine neue Dirigentin für den Frauen­chor und mit Markus Prygodda einen neuen Organisten und Dirigenten für den gemischten Chor gefunden zu haben. Im gleichen Jahr trat Manfred Martiner seine Stelle als Küster und Hausmeister an, nachdem Herbert Wieschollek vier Jahre zuvor bei der Vorbereitung des Gemeindefestes so schwer verunglückt war, dass er seinen Dienst nicht mehr ausüben konnte.

Schließlich wurde am 11. September 1994 das mit einem neuen Anbau versehene und nahezu vollständig renovierte Jugendheim seiner Bestimmung übergeben und damit die Voraussetzung für eine sich ausweitende Jugendarbeit geschaffen.

Ein Jahr später konnte die Gemeinde ihr 100-jähriges Bestehen feiern.